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Der Weichsel-Radweg von Małopolska - die längste Fahrradautobahn Polens?

Der Weichsel-Radweg von Małopolska - die längste Fahrradautobahn Polens?

zdjęcie przedstawia ścieżkę rowerową podczas zachodu słońca
Ein Radfernweg, wie es sich gehört, der entlang der Königin der polnischen Flüsse – der Weichsel verläuft – diese Vision des Weichsel-Radwegs (WTR) entstand vor ca. 20 Jahren. Doch leider ist es später um dieses Thema für lange Zeit ruhig geworden. So war es bis mindestens 2014.

Dann kam das Thema Weichsel-Radweg erneut zum Vorschein – diesmal in Form des mutigen Plans, ein Netz aus Radwegen in Małopolska zu bauen, wo der Weichsel-Radweg als einer der Hauptradwege auftrat. Der Planung zufolge sollte er überwiegend über die Weichsel-Dämme verlaufen (oben auf dem Damm sollte eine Art Asphalt-Teppich ausgelegt werden, dort, wo es diese Möglichkeit nicht gibt – über ruhige öffentliche Straßen, die in Flussnähe verlaufen. Also sage und schreibe so, wie seit Jahren die Radfernwerge in Österreich oder Deutschland gebaut werden.

Ich muss ehrlich zugeben, als ich das erste Mal von dieser Idee auf der Messe WinterTravel 2014 gehört hatte, reagierte ich mit großer Skepsis. Es war nicht der erste Entwurf für einen Radfernweg, den ich beobachten durfte. In den Vorgaben waren sie alle großartig, doch die Ausführung beschränkte sich meistens auf das Anbringen von Tafeln mit Beschilderung und damit war die Beschäftigung mit der „Fahrrad-Infrastruktur” zu Ende. Verstehen Sie mich nicht falsch…Ich liebe es, über Geländewege zu fahren, doch in Wirklichkeit brauche ich darauf keine Beschilderung – das Fahrrad gibt genug Freiheit, fast überall damit fahren zu können (mit Ausnahme von Naturparks). Doch von Radwegen, die für lange Strecken und für „jeden” gedacht sind, sollte man mehr verlangen. Vor allem, wenn wir mit ihrer Hilfe das Radfahren popularisieren möchten. Im Projekt Velo Małopolska wurden also feste Richtlinien festgelegt, die sich durch einen professionellen Umgang mit dem Thema Fahrradtourismus charakterisierten – die Hauptwege sollen über asphaltierten Belag verfügen und überwiegend über flaches Gelände verlaufen, fern ab vom öffentlichen Verkehr und so festgelegt, dass sie die Hauptstädte von Małopolska auf kürzeste und zugleich auf schönste Weise miteinander verbinden. Mit einem Wort, sie müssen ein anständiges Rückgrat bilden, von dem lokale Radwege ausgehen, um Sehenswürdigkeiten besichtigen zu können, die 20-30 km von den Hauptstraßen liegen. Eine schöne Vision, nicht wahr?

Stellen Sie sich also meine positive Überraschung vor, als ich vor rund einem Jahr Szczucin besuchte, um die erste Sichtung vorzunehmen. Ich wollte mich überzeugen, wie diese sinnvollen Richtlinien verwirklicht werden. Praktisch zufällig stolperte ich über den ersten fertigen 30 km langen Asphaltstreifen, der direkt hinter der “Gruß-Tafel” von Małopolska auftauchte (diese ist mittlerweile verschwunden, schade, man sollte heute sie nur noch mit dem Fahrradsymbol ergänzen). Mein Radlerherz wurde praktisch im Nu erobert. Ich hatte Lust, jedem Bauarbeiterteam, dem ich unterwegs begegnete, das sprichwörtliche Bierchen zu spendieren. Seit dieser Zeit bin ich den ganzen Małopolska-Abschnitt des WTR mehrmals gefahren, zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten (doch, im Dunkeln lässt sich auch super fahren, ich empfehle nur ein gutes Licht plus Begleitung).  Jedes Mal freute ich mich wie ein Kind über ein neues Element des Radwegs, das dank dem Projekt der Selbstverwaltung der Woiwodschaft Małopolska entsteht.

Sie würden sicherlich fragen, ob der WTR auch irgendwelche Fehler hat? Natürlich – der größte Fehler ist, dass der Radweg noch nicht ganz fertig gestellt ist. Bisher wurden zwei fast 90 km lange Abschnitte (Brzeszcze-Skawina und Chobot-Szczucin) gebaut und markiert, immer noch fehlen mehrere Servicepunkte für Radfahrer, ein Abschnitt auf dem Gebiet der Gemeinde Niepołomice (wird voraussichtlich 2018 fertigt) sowie einige Streckenabschnitte (die leider in Hinblick auf den einheitlichen Verlauf entscheidend sind) im Stadtgebiet Krakau.

Streckenabschnitte des WTR, die Sie schon jetzt problemlos nutzen können, finden Sie auf dieser Karte http://bit.ly/mapaWTR (Schwarz und Grau sind die fertigen, asphaltierten Fragmente). Wenn jemand Lust hat, den ganzen Radweg zu fahren, empfehle ich, sich an diese GPX-Spur zu halten (https://goo.gl/b9867o), sie ist selbst für Straßenräder geeignet und auf diese Weise finden Sie zügig die fehlenden Fragmente. Und wie sieht der Radweg selbst aus? Ich verzichte auf die Beschreibung von Denkmälern und Attraktionen, die Sie in der unmittelbaren Nachbarschaft des WTR finden, denn dafür müsste ich einen voluminösen Reiseführer verfassen. Ich konzentriere mich stattdessen nur darauf, was Sie direkt auf dem Weg finden.

Ich empfehle Ihnen, den WTR in der Woiwodschaft Małopolska an dessen Grenze zu Schlesien zu beginnen, d.h. in Jawiszowice (von Krakau bis zum Bahnhof Brzeszcze-Jawiszowice können Sie mit dem Zug fahren). Von dort aus verläuft der WTR nach Oświęcim zwischen den malerischen Teichen in Brzeszcze (Bereich Natura 2000) sowie über lokale Straßen mit wenig Autoverkehr. In Oświęcim selbst wurden vorhandene Rad- und Fußgängerwege auf den Hochwasserschutzdämmen des Flusses Soła verwendet (leider aus Kopfsteinpflaster) sowie einige fehlende Abschnitte ergänzt (diesmal schon asphaltiert).  Auf diese Weise fahren wir durch die ganze Stadt durch und vermeiden gleichzeitig Autoverkehr. So erreichen wir die Brücke über die Weichsel, von dort aus fahren wir zügig über dem Damm auf dem rechten Weichsel-Ufer, der sich wie ein Asphaltteppich bis zum Horizont erstreckt. Und hier eigentlich beginnt die echte Fahrt, bei der alle Vorzüge der sorgfältigen Umsetzung der Projektrichtlinien zum Vorschein kommen. Es ist glatt und flach, gleichzeitig grün, ruhig und zu jeder Jahreszeit wunderschön. Für manche kann dies schrecklich "tot langweilig" sein, doch für mich ist dieses zügige Gleiten  +- 30 km/h (d.h. mit der durch die Planer vorgegebenen Geschwindigkeit) mit leisem Rauschen der Reifen, wo die einzige Sorge das Aufnehmen der Ruhe und des Reichtums der Natur sein kann, eben die Quintessenz dieses Radwegs und wird mich wohl niemals langweilen (und ich verfüge schon über jede Menge Erfahrung in diesem Bereich, denn den Tyniec-Radweg benutzte ich 5 Jahre lang fast jeden Tag zum Pendeln in die Arbeit). Diese Idylle, unterbrochen nur durch wenige Kilometer mit provisorischem Belag (hier müssen die Dämme noch renoviert werden, deshalb ist es nur befestigter Schotter) erstreckt sich bis zur Ortschaft Kamień, wo uns 2 Optionen erwarten – entweder die asphaltierte Auffahrt (so führt uns die Beschilderung) oder man wechselt mit der Fähre “Drogowiec” (sie soll schon bald den Betrieb aufnehmen!) auf das rechte, deutlich sanftere Weichsel-Ufer und fährt dort bis zum Staudamm in Łączany. Von dort aus bis zu Skawina fahren wir durch einen „Mix” aus ruhigen lokalen Straßen, die unter dem Damm verlaufen, bzw.  über den Weg auf dem Damm. Zurzeit endet der „westliche” Abschnitt des WTR auf der kleinen Brücke über dem Fluss Skawinka, die schon in Kürze geöffnet werden soll. Beim Planen der weiteren Route empfehle ich Ihnen, die gpx-Spur zu nutzen, die uns vorübergehend durch das Krakauer Stadtgebiet führen wird, dann über normale Straßen über Niepołomice und Niepołomice-Urwald bis zur Ortschaft Chobot. Hier fahren wir erneut auf den Damm und finden die ersten Schilder des nächsten fertigen Abschnitts des WTR. Wir einigen uns, ihn als den „östlichen” zu bezeichnen. Lassen Sie sich nicht durch seinen Schotteranfang nicht abschrecken. Dieser ist etwa 300 m lang, doch dann verwandelt er sich in einen glatten Asphalt, auf dem wir wieder den Wind in den Rädern spüren können.

Der glatte Belag führt uns über Ispina (wo Sie direkt an der Brücke im ersten MOR eine Pause anlegen können) bis zu Stadt Grobla, wo wir wieder auf lokale Straßen wechseln. Auf diese Weise erreichen wir die Brücke in Uście Solne (in Zukunft treffen wir hier auf den geplanten Radweg Velo Raba), hinter der wir erneut auf den Hochwasserschutzdamm auffahren. Ich bin mir nicht sicher, ob dies nicht mein Lieblingsstück des „östlichen” Abschnittes des WTR ist, mit dem unglaublich malerischen Blick auf die grünen Mäander der Weichsel, wilde Strände und Windmühlen auf ihrem hohen rechten Ufer in der Nähe von Koszyce. Die Idylle des asphaltierten Damms erstreckt sich bis zur Gegend um Wietrzychowice, wo der Radweg den Damm verlässt und uns in die Ortsmitte führt, (hier können Sie Ihre Vorräte auffüllen, denn es gibt mehrere Einkaufsmöglichkeiten) dann weiter bis zur kostenlosen Fähre über Dunajec, die das ganze Jahr über in Betrieb ist (im Sommer zwischen 6:00 und 20:00, in den übrigen Jahreszeiten bis 18:00). Gleich nach der Fähre erwarten uns mehrere Kilometer Fahrt durch malerische und ruhige Dörfer von Powiśle Dąbrowskie (man spürt hier den Geist von berühmtem Zalipie, das sich nicht weit befindet https://bit.ly/doZalipia) bis zu Ujście Jezuickie. Hier empfehle ich, bis zur Anlegestelle der Fähre herunterzufahren, die wohl die einzige in ganz Polen ist, die an der Gabelung zweier Flüsse liegt (Mündung von Dunajec in die Weichsel). Wenn Sie jedoch genug von Fähren haben, halten Sie sich gleich an die Beschilderung des WTR und fahren Sie hoch auf den Damm, wo ein über 30 km langer, durchgehender Abschnitt der Straße nur für Fahrräder (Droga Dla Rowerów - mit der lustigen Abkürzung DDR J) beginnt, dem wir bis zum Abschluss des Radwegs in Szczucin folgen. Und was dann?

  • Wenn Sie an der Weichsel entlang durch ganz Polen fahren möchten (leider ist der WTR in den nächsten 3 Woiwodschaften: in Karpatenvorland, Heiligkreuz und Lublin eigentlich gar nicht vorhanden), empfehle ich Ihnen den geprüften Weg: Sie halten sich an das rechte Ufer, fahren in Richtung Baranów Sandomierski und See Tarnobrzeskie, setzen dann mit der Fähre in Tarnobrzeg auf das linke Ufer in der Nähe der Obstgärten von Sandomierz über und dann kehren Sie erst mit der Fähre in Zawichost auf das rechte Ufer zurück. Von dort aus fahren Sie weiter durch das „polnische Toskana” in Richtung Kazimierz nad Wisłą und dann weiter nach Norden.

  • Wenn Sie nach Krakau zurückfahren möchten, empfehle ich Ihnen Abendessen und Übernachtung in Szczucin, damit Sie am nächsten Morgen das hiesige Museum für Straßen- und Wegebau besuchen können, dann steigen Sie auf das Fahrrad und fahren durch die Wälder und Dörfer von Powiśle Dąbrowskie (diesmal unbedingt mit Besichtigung von Zalipie) bis zur Fähre von Otfinów. Mit der Fähre setzen Sie auf das andere Ufer von Dunajec über, wo Sie gleich den nächsten Radweg aus dem Netz Velo Małopolska – Velo Dunajec finden sollten. Halten Sie sich an diesen Weg bis zu Ortschaft Bogumiłowice, von dort können Sie in knapp einer Stunde mit dem Zug nach Krakau fahren oder den dort verlaufenden Radfernweg Velo Metropolis (Małopolska-Abschnitt von Euro Velo4) in Anspruch nehmen, es ist der schnellste Weg nach Niepołomice (darüber aber in meinem nächsten Beitrag).

     

Sehen Sie den Film des Autors aus dem Weichsel-Radweg

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